Michaeli-Fest: Kampf den dunklen Dämonen

10/02/2016

Waldorf-Kindergarten für Anfänger

Seit etwa zwei Monaten ist mein ältester Sohn im Waldorf-Kindergarten. Wie viele andere Kinder im Waldorf-Kindergarten, haben wir zuvor eine weniger schöne Zeit in einem anderen Kindergarten verbracht und schließlich nach Tränen und einem verstörten Kind beschlossen, dass wir eine kindgerechtere Betreuung für unsere Kinder wünschen. So sind wir nach zwei Info-Tagen und einer kleinen Wartezeit schließlich im ersten Ganztages-Waldorf-Kindergarten Deutschlands gelandet, der zufällig nur fünf Minuten von unserem Haus entfernt liegt.

Als Familie finden wir uns nun langsam in die Sitten und Bräuche der anthroposophischen Lehre ein. Es gibt ein par Regeln (wie z.B. keine Comic-Figuren, kein Plastikspielzeug, usw.) im Kindergarten. Aber auch ein besonders liebe- und fantasievoller Umgang mit den Kleinsten. Es gefällt uns allen - trotz dass wir selbst keine Waldörfler sind - das wird auch nicht erwartet vom Kindergarten. Eine Besonderheit im Jahreslauf des Waldorf-Kindergartens sind die Feiertage - die bei uns im protestantischen so bisher nicht bekannt waren.

Mit meiner Vorstellung des Michaeli-Festes möchte ich ich die kleine Serie "Waldorf-Kindergarten für Anfänger" starten.

Der Herbst hat begonnen. Es wird stetig kühler und vor allem Abends früher dunkel. Auch morgens, wenn wir aufstehen, ist es draußen noch dunkel. In den nächsten vier Wochen wird die Zeit der Dunkelheit verhältnismäßig stark zunehmen (nach Schlesselmann, Luise: Die christlichen Jahresfeste und ihre Bräuche - Hintergründe zum Feiern mit Kindern. Stuttgart 1992 S. 54).

Natürliche Phänomene wurden mangels Wissenschaft früher mit Sagen, Geschichten  und Gleichnissen erklärt. So heißt es in einer altbulgarische Legende: "Und Satanael sah, dass Gott von allen Engeln verehrt und gepriesen wurde. Er wurde neidisch [...]. Und Gott sandte den Erzengel Michael zu Satanael. [...] Da versengte Satanel Erzengel Michael mit seinem Feuer." (Schlesselmann, Luise: Die christlichen Jahresfeste und ihre Bräuche - Hintergründe zum Feiern mit Kindern. Stuttgart 1992 S. 61f). Zweimal wird der Engel vom Teufel verbrannt - und stets wieder mit neuem Mut von Gott los geschickt seine Pflicht zu erfüllen und den Teufel zu stürzen. Beim dritten Mal gelingt der Sturz.
Michael "bestand als Anführer der guten Engel den Kampf gegen Luzifer und seinen Anhang." (Schönfeldt Gräfin, Sybil: Das große Ravensburger Buch der Fest und Bräuche - Durch das Jahr und den Lebenslauf. Ravensburg 1980, S. 252). Und so wird er am 29. September als Erlöser gefeiert, der den Teufel aus dem Himmel verbannte.

Wie in vielen guten Geschichten kämpft Gut gegen Böse. Die Geschichte um den Engel Michael der gegen den Teufel (oder auch den Drachen) kämpft, spiegelt auch den Kampf des Sonnenlichts gegen die zunehmende Dunkelheit im Herbst wieder. Die Tage werden küzer - die Nächte und damit die Zeit in der das Dunkle wirkt, länger. In vielen gesundheitlichen Studien heißt es, dass im Herbst Depressionen und ähnliche Erkrankungen in der Bevölkerung ansteigen.
Während es im Sommer, oft so einfach scheint mit einem Lächeln gegen die Sonnen zu blinzeln, verdüstern sich die Gedanken beim Blick auf einen unendlichen Regenvorhang, Nebelschwaden oder einen dunklen Himmel.

Das Michaeli-Fest wird gefeiert, um daran zu erinnern das Licht aus den vorangegangenen sonnenreichen Monaten mit in die dunkler werdenden Monate (bis Weihnachten) zu nehmen. Auch im übertragenen Sinne, sollen wir schöne Erinnerungen an den Sommer, mit in den dunklen Herbst nehmen und davon in düsteren Stunden zehren.

Den Kindern wird die gruselige Geschichte vom Teufel natürlich nicht erzählt. Im Kindergarten backen die Kinder an diesem Feiertag aus Hefeteig kleine Michaels-Schwerter (auch ein altchristlicher Brauch). Der Gruppen-Raum ist festlich geschmückt, und alle haben sich schick gemacht. Mit den Kindern wird ein Sing-Spiel aufgeführt, in dem die Kinder (schau-) spielerisch den Kampf des mutigen Michaels mit seinem Schwert gegen den bösen Drachen nachspielen. Dabei wird eine schöne Prinzessin aus einem hohen Turm gerettet. Spielerisch wird den Kindern das Ende des Sommers nahe gebracht. Kraft und Freude aus der sonnenreichen Jahreszeit sollen mit in dunklere Tage genommen werden.

Gegen düstere Drachen - in Form von bösen Gedanken - lohnt es sich immer zu kämpfen. Die Geschichte soll auch Mut machen, den Kampf nicht aufzugeben. Am Ende siegt das Gute (in uns).





Weiterführende Literatur:
Luise Schlesselmann: Dei christlichen Jahresfeste und ihre Bräuche. Stuttgart 1992S
Brigitte Barz: Feiern der Jahresfeste mit Kindern. Stuttgart 1984
Sybil Gräfin Schönfeldt: Das große Ravensburger Buch der Feste und Bräuche. Ravensburg 1980


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