Auf Stippvisite im Kindergarten

2/14/2016

Wie finde ich den richtigen Kindergarten für meine drei Kinder? 
Diese Frage hat mich die letzten beiden Wochen intensiv beschäftigt.

Ursprünglich war geplant meinen großen Sohn einen Tag vor seinem dritten Geburtstag in den Kindergarten einzugewöhnen. Wir hatten uns zwei bis drei Wochen Eingewöhnungszeit vorgenommen - waren uns aber sicher, dass es schneller geht, da er mit seiner Großtante, einer Lesepatin, schon ein par Ausflüge in deren Kindergarten machen durfte. Nun lief die Eingewöhnung leider nicht wie erwünscht und wir haben diese nach dem dritten Tag abgebrochen. Dadurch, dass ich ihn drei Tage lang im Kindergartenalltag begleitet habe, stellte ich immer mehr fest, dass Konzept und Erziehungsstil nicht zu mir und meinem Sohn bzw. unseren Söhnen passen. Eltern mit einem Kind haben möglicherweise Zeit und Muse im Internet zu googeln, sich Checklisten zu machen oder weitreichende Literatur zu wälzen. Daran hat es in unserem Fall leider gemangelt. 
Wir haben im Vorfeld auch viele Ratschläge von anderen Eltern bekommen (Dorftratsch). Doch auf Gerede und Tratsch von anderen gebe ich nichts. Ich möchte mir meine eigene Meinung bilden! 
Auswahlkriterium Nummer Eins war für uns die Erreichbarkeit zu Fuß, da ich ja noch zwei kleine Zwerge (17 Monate) im Schlepptau habe. In einschlägiger Literatur werden folgende Rahmenbedingungen zur Auswahl vorgeschlagen: 

-  Betreuungszeit
-  Erreichbarkeit (zu Fuß)
-  Größe der Gruppe
-  Ausstattung innen und außen mit Spielsachen
-  Sanitäre Anlagen und Wickelmöglichkeiten
-  Der persönliche Eindruck/ Bauchgefühl

Diese haben soweit für uns auch gepasst. Aber wie gesagt, erlebt man die Erzieherinnen eben nur im Kindergartenalltag in ihrem Element - und das war fast schon erschreckend.

Ich stelle mir einen Stuhlkreis so vor: Kinder erzählen vom Tag und der Woche. Von der Erzieherin sollten auch Dinge wie, "Ein neues Kind", aktuelle Ereignisse und Feiertage, Jahreszeit oder Wochenangebote angesprochen werden und eventuell sogar ein spezielles Begrüßungslied (für neue Kinder) gesungen werden. 
In dem Stuhlkreis den wir (während der Eingewöhnung) besuchten, fand dergleichen nicht statt? Stattdessen wurden die Kinder zu Regeln abgefragt und es wurde doch tatsächlich die Frage gestellt, warum die Erzieherin keine Lust habe mit Kind XY ins Krankenhaus zu fahren, weil es sich wegen einer herumliegenden Tasche verletzen könnte. Drangenommen wurden selbstverständlich nur Kinder die sich meldeten. Es herrschte während des gesamten Stuhlkreises betretenes Schweigen unter den Kindern - wie ich es empfand auch aus Furcht.

Nachdem Abbruch der Eingewöhnung haben wir die Zeit, die wir uns im eigentlichen Sinne für die Eingewöhnung vorgenommen hatten, dafür genutzt insgesamt drei weitere Einrichtungen unter die Lupe zu nehmen. Durch die Eingewöhnungserfahrung zuvor, habe ich auf ganz andere Dinge geachtet.

Wie verhält sich mein Kind (vor Ort):
Darf er beim Rundgang mit allen ersichtlichen Spielsachen spielen?
Gibt es Tabu-Zonen? Wird er sogar gleich zurecht gewiesen?
Spricht ihn das Spielzeug sofort an? Will er gleich darauf losspielen bzw. sogar gar nicht mehr nach Hause?
Kennt er vor Ort andere Kinder? Wie wird er von den anderen Kindern begrüßt? Kommt es gleich zu Streitsituationen?
Zeigt er Angst vor den Erzieherinnen? Spricht er sie sofort an?
Hat mein Kind Alpträume und weint viel (während der Eingewöhnung)?

In allen Kindergärten hat sich mein Sohn mit den angebotenen Spielsachen wohl gefühlt. Er wurde von älteren Kindergartenkinder an der Hand genommen und herum geführt. In einem Kindergarten kam es ziemlich schnell zu Streitsituationen und er erzählte mir später ein großer Junge habe ihm Holztiere weggenommen!

Wie verhält sich das Erziehungspersonal:
Wird das Kind begrüßt und persönlich angesprochen?
Wie verhält sich das Personal gegenüber Kindern, deren Eltern nicht anwesend sind? 
Gibt es Bestrafungen bei Regelverstößen - welche? 
Werden alle Kinder fair -und wie Kinder behandelt? 
Werden Kinder die weinen und traurig sind getröstet - auch mit körperlicher Nähe?
Gibt es bei der Eingewöhnung regelmäßig Rücksprachen (auch unter dem Tag) mit den Eltern, oder werden Sie mit der Entscheidung, wann sie gehen sollen und wie lange sie heute bleiben sollen alleine gelassen?
Dürfen die Kinder Ihre Ansprechpersonen auch immer "ansprechen"?

Ein Beispiel:
Während ich mit einer Erzieherin am Frühstücksstisch spreche, werden wir von einem,  mit am Tisch sitzenden Kind (das, wie ich später erfahre, noch nicht einmal drei Jahre ist) unterbrochen. Es wird mit der Geste einer auf ihn gerichteten Handfläche (angedeutetes Mund zu halten) zum Schweigen aufgefordert. 
Jesper Juul, der anerkannte Familien- und Erziehungsforscher sagte neulich in einem sehr interessanten Interview, dass man sich überlegen sollte, ob man seinen Partner in bestimmten Konflikten genau so behandeln würde wie sein Kind. Also - würde ich meinen Partner mit dieser Geste zum Schweigen bringen wollen? Puh, das würde ehrlich gesagt Ärger bei uns geben! Das Verhalten hier zeugt mir nicht von gelebter "Gleichwürdigkeit".

Als ganz wichtigen Tipp kann ich noch mitgeben, mit dem eigenen Kind zu sprechen! "Wie hat es Dir im Kindergarten gefallen? Wie fandest Du die Erzieherinnen?" 
Wir erziehen unsere Kinder doch zu mitteilungsbedürftigen kleinen Wesen, dann nutzen wir dies auch. Von meinem Dreijährigen kam nach einem Kindergartenbesuch doch tatsächlich die Aussage: "Die eine Erzieherin war nicht so hübsch?" Bei weiterem Nachfragen sagte er "Die war irgendwie komisch und nicht so nett". Schönheit geht bei unseren Kleinsten noch sehr über den Charakter und ein freundliches Auftreten. Ich für meinen Teil, weiß welche Erzieherin er gemeint hat. Es war bestimmt nicht die mit den kurzen Haaren und den mehr als auffälligen Lachfältchen um die Augen...

Wie sind MEINE Empfindungen nach dem Kindergartenbesuch:
Für eine Mutter ist es ein überwältigend schlimmes Gefühl, ihr Erstgeborenes im Kindergarten abzugeben. Zu Anfang zweifelte ich an mir. Ob nicht mein ungutes Gefühl von der Glucke in mir erzeugt wird. Im Nachhinein kann ich ganz genau sagen, dass es Momente und Situationen gab, bei denen es mir vor Angst eiskalt den Rücken runter lief (bei der übermäßigen Disziplin und den Maßregelungen im Morgenkreis). Zum einen überträgt sich die Angst der Mutter auf das Kind. Aber es überträgt sich sicher auch die Angst des Kindes auf die Mutter. Das waren eindeutig Situationen in denen wir uns beide an einen anderen Ort gewünscht haben. 
Tipp: Wenn man sich unsicher ist, was es für Gefühle sind - und man die Zeit mitbringt (die man ja für eine Eingewöhnung ohnehin mitbringen sollte), empfehle ich mal einen Tag auszusetzen und herauszufinden, wie das Kind reagiert und wie man sich selbst fühlt.
In unserem Fall konnte ich beobachten, dass mein kleiner Großer sehr fröhlich und frei (auch alleine) zu Hause spielte und es geradezu genossen hat sich seinen eigenen Spielsachen und der Ruhe hinzugeben. Selbst hatte ich auf einmal ein inneres Gefühl der Entspannung.

Ich persönlich höre nun auf den Bauch
Wir haben uns letztendlich für einen Kindergarten entschieden, der verlängerte Öffnungszeiten hat (über die Mittagszeit) und keine Nachmittagsbetreuung anbietet. Im Moment wäre eine Nachmittagsbetreuung eh noch nicht in Frage gekommen, aber in ein paar Jahren wären wir sicher auch zwischendurch mal dankbar gewesen. Es entschied nicht der Kopf, sondern der Bauch. Außerdem müssen wir mit dem Auto ungefähr 10 Minuten fahren. Ein weiteres Argument, das ich bei einer sturen Auflistung von Vor- und Nachteilen bisher überbewertet habe.
Dennoch spricht die Einrichtung durch ihr kinderorientiertes Konzept für sich. Es herrscht eine freundliche helle Atmosphäre. Mein Kind hat dort bereits eine Bezugsperson - ein befreundetes Kind und die Gruppenleiterin ist nicht nur ausgesprochen nett und freundlich, sondern obendrein (entfernt) verwandt mit uns. Sie sprach meinen Ältesten auf Augenhöhe an und begrüßte ihn direkt mit Namen.
Wir haben unseren festen Kindergartenplatz aufgegeben und stehen nun vermutlich bis September wieder auf der Warteliste. Schade, zum einen da mein Sohn wirklich reif für den Kindi ist und unheimlich wissbegierig. Aber besser so, als die ständige Angst und die Zweifel, was mein Kind im Kindergarten durchmachen muss!
Ich muss noch nicht arbeiten gehen und bin mit meinen Zwillingen eh zu Hause. Die Großeltern freuen sich weiterhin sich auch tageweise um die Kids zu kümmern. Das kriegen wir schon hin und leben weiterhin in Vorfreude auf die Kindergartenzeit!

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2 Gedanken zu

  1. Das kann ich sooo nachvollziehen! Gut gemacht. Es gehört Mut dazu, auch die Eingewöhnung abzubrechen, wenn es nicht passt. Wir haben 6 Wochen gebraucht, bis mir klar wurde dass es nicht die Glucke war, die aus mir sprach, sondern ein gutes richtiges Bauchgefühl. LG

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    1. Das freut mich aber zu lesen. Ich bin es immer noch nicht gewohnt "die Ellbogen" auszufahren und will es immer allen recht machen. Aber die letzten Par gravierenden Entscheidungen habe ich tatsächlich "für meine Kinder gestimmt" und mir damit hier im Dorf auch Feinde gemacht.... Aber dabei frage ich mich ich immer, um was geht es eigentlich?! Richtig: um UNSERE KINDER! 😀

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