Spaziergang mit Zwischenfällen -- wir lieben das Landleben

9/26/2015

Ja, wir leben auf dem Lande. Im Vergleich zum Stadtleben kann ich einige Nachteile aber natürlich auch zahlreiche Vorteile aufzählen. Einer ist sicher, dass man nicht so krass verrückte Leute trifft. Also damit meine ich Spinner und Vollidioten, Verrückte und Assis. Das dachte ich immer... Aber (hier) auf dem Land ist das echt nicht anders. Mit dem Unterschied, dass Du den Verrückten nicht nur einmal flüchtig begegnest, sondern Du siehst sie jeden einzelnen Tag und meistens genau dann, wenn Du es gar nicht willst. Aber so ist das ja irgendwie immer.


Neulich wollte ich spazieren gehen. Das Wetter war wundervoll: die Sonne schien und es ging ein leichter Wind, der den Wald beruhigend rauschen lies. Wir wohnen nicht direkt am Wald und ich muss ein par Straßen kreuzen, bis ich auf einem Waldweg bin. Also habe ich mir überlegt wie ich jetzt am besten in den Wald komme, um möglichst wenigen Spinnern zu begegnen. Das fängt schon vor der Haustüre an: Gegenüber wohnt eine ältere einsame Dame, die an sich sehr freundlich ist, aber leider unglaublich neugierig und gerne mit allen Nachbarn quatscht - also auch nichts für sich behalten kann. Wir sehen sie nicht oft. Aber genau immer dann, wenn es gerade gar nicht passt, steht sie auf einmal wie aus dem Nichts vor dem Kinderwagen und will sich die Kleinen mal wieder anschauen. Das Übliche: "Schlafen sie schon durch", "Werden sie noch gestillt", "Wie klappt es mit dem Großen? Ist er sehr eifersüchtig"... Und dann der Knaller: "Ihr Mann macht ja unheimlich viel mit den Kindern, das BEOBACHTE (!) ich immer!"
Biege ich jetzt rechts ab in die Herrmann-Straße begegnet mir bestimmt wieder der "Dorfbulle". Ein ebenso neugieriger Nachbar, der einfach immer jeden in der Nachbarschaft mit falsch zitierten Paragraphen aus der Gemeindeordnung drangsaliert. Mit ihm hatten wir nach dem Einzug in unser Reihenhaus den ersten (unerfreulichen) Nachbarschaftskontakt, indem er uns in einem unverschämten Ton darauf hinwies, dass die Straße in der wir parken eine "Privatstraße" sei (ja, ganau, und er wahrscheinlich der rechtmäßige Besitzer aller Straßen hier im Wohngebiet...Soll er sich bitte mal um die ganzen Schlaglöcher kümmern!) und dass unsere Hecke auf höchstens 80 cm herunter geschnitten gehört. Das störe seine Sicht... Ja, der gute Mann braucht eine gute Sicht, denn bei einem unserer Smalltalk-Spazier-Gespräche fragt er doch ganz unverblümt: "Und, wie schlafen denn die Kleinen. Wir sehen ja öfter mal nachts Licht brennen...". Man muss dazu sagen, dass wir Luftlinie vielleicht 250 m entfernt wohnen und es in diesem Umkreis, da wir ja im Reihenhaus wohnen, mindestens sechs weitere Häuser gibt, die er "beobachten" kann... Unheimlich!

Ok - laufe ich statt rechts abzubiegen direkt auf den Wald zu, bis ans Ende unserer Straße begegnen mir vier bzw. eigentlich zwei weitere seltsame Exemplar-Mitbürger. Zwei ältere Ehepaare (60+) unterhalten sich am Straßenrand und springen als sie Zwillingswagen sehen sofort lauthals auf die Kinder zu, die vor lauter Angst natürlich gleich anfangen zu weinen. Es folgt der übliche (leider immer nerviger werdende) Zwillings-Smalltalk: Mädchen oder Buben? Eineiig oder Zweiig? Natürliche Geburt? - unglaublich was wildfremde Menschen alles von einem auf der Straße wissen wollen - Wie alt? Schlafen se schon durch?... Und dann die Leier von der "Managerin eines erfolgreichen kleinen Familienunternehmens" (wie ich den Spruch hasse!): "Ja, die jungen Frauen heutzutage wollen ja nur noch Karriere und Moneten... Keiner übernimmt mehr Verantwortung... Wir Deutschen sterben aus... Ist aber toll von Ihnen - die drei Kinder - einer muss ja schließlich mal unsere Rente zahlen." Da ist mir fast rausgerutscht, dass bis meine Jungs in den "Rententopf" zahlen, SIE bestimmt schon jenseits von Eden sind! Und es kommt noch doller:
Im breitesten Platt und mit einer riesengroßen Schleswig-Holstein-Fahne im Vorgarten heißt es dann: "Sie wohnen aber noch nicht lange hier?! Reingeschmeckte..."
Ich: "Naja, wir sind vor 1 1/2 Jahren vom Nachbarort (Mühlacker) hier her gezogen."
Holsteiner: "Aha, Mühlacker - dieses Drecksloch! Da können se aber froh sein jetzt hier zu wohnen. In Mühlacker wird ja NIX gemacht. Außerhalb der Gartenschau machen die doch keinen Finger krumm..."
Ach du Schande! An wen bin ich denn da geraten... Nix wie weg!

Endlich bin ich im Wald... Einsamkeit! Und ich kann es während dem ganzen Spaziergang einfach nicht fassen!


Auf dem Nachhauseweg überlege ich zwanghaft, wie ich jetzt zurück laufe, dass ich keinen Spinnern mehr über den Weg laufe. Ich schlage einen, wie ich glaube, "ungefährlichen Umweg" ein und kann es wieder nicht fassen: Da springt ein Mann mittleren Alters durch den Vorgarten (s-)eines Mehrfamilienhauses und macht sich an der (von der Straße einsichtigen) Rückwand der Garage an seiner Hose zu schaffen. Macht zunächst seinen Gürtel auf... Oh Gott, ich kann es nicht glauben und schau auf den Boden... Kinder, Kinder, jetzt bitte keine verdächtigen Geräusche machen, dass er sich nicht umdreht und uns sieht...
PINKELT GEGEN DIE GARAGE....

Ne, also so schnell hab ich keinen Bock mehr spazieren zu gehen!

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